31.08.2011

Fußballtheater in Italien, gefährlicher Flamenco in Rom

Damiano Tommasi
Überraschungen können ja allerlei Emotionen verursachen. Freude, Trauer oder auch einfach ratloses Erstaunen. Mit einigen größeren, aber auch wichtigen kleineren Überraschungen warteten die letzten Tage auf. Beginnen wir doch mit dem im vorherigen Eintrag erwähnten Streik der Serie A. Der erste Spieltag fiel aus wie dann doch zu erwarten war. Die Vereine willigten dem neuen Kollektivvertrag für die Lizenzspieler nicht zu. Die Spielergewerkschaft mit dem früheren Idol des AS Rom Damiano Tommasi als Präsidenten forderte, dass aussortierte Spieler dennoch mit der ersten Mannschaft ihres Vereins trainieren dürfen und das kein Spieler gegen seinen Willen an einen anderen Verein verkauft werden darf, was die Vereine natürlich durchsetzen möchten, um die Kosten zu senken.

Am Schluss blieb der Ligarat hart und versuchte die Schuld für den Spielausfall den Spielern in die Schuhe zu schieben. Als Vorwand wurde die kolportierte Reichensteuer genannt. Die überbezahlten Spieler würden laut Liga versuchen, die Steuer auf die Klubs abzuwälzen. In der Zwischenzeit hatte die Regierung ihr Sparpaket nach heftigen Protesten geändert, so dass die geplante Steuer gar nicht zum Tragen kommen wird. Selbige Regierung wird sich nun mit dem Fußballverband, der Liga und der Spielergewerkschaft mit dem Thema Serie A auseinandersetzen. Als ob die italienische Politik keine wichtigeren Dinge zu behandeln hätte... Nach der Länderspielpause, in der Italien gegen die Fär Öer und Slowenien die EM-Qualifikation sichern müsste, wird die Serie A mit dem 2. Spieltag beginnen, die Spieler hatten ein Einsehen, in der Hoffnung, dass es auch außerhalb des Platzes zu einer Einigung kommen wird.

Das Stadio Olimpico in Rom
Wirklich erstaunlich war das, was sich letzte Woche in der Europa-League-Qualifikation in Rom abspielte. Nach dem 0-1 bei Slovan Bratislava dachte man, die Roma würde das Rückspiel locker für sich entschieden. Totti durfte auch von Beginn an ran und strafte seinen Trainer Lügen, indem er bei weitem bester Mann auf dem Platz war und auch via Eckstoß das frühe 1-0 durch Perrotta vorbereitet hatte. Nach ca. einer Stunde hatte jedoch die haushohe Überlegenheit der giallorossi immer noch nicht zum zweiten Treffer geführt, allmählich schwanden die Kräfte. Für den negativen Höhepunkt sorgte dann Luis Enrique, der in der 70. Minute seinen Mannschaftskapitän auswechselte, was von den 50.000 im Stadio Olimpico mit Pfiffen gegen den Trainer und Sprechchören für Il Capitano quittiert wurde. Die Mannschaft verlor nicht nur seine Führungsfigur, auch die Müdigkeit machte sich bei den verbliebenen Spielern bemerkbar, was zehn Minuten vor Spielende von den Gästen aus der Slowakei eiskalt zum Ausgleich genutzt wurde.

Totti ist in Rom mehr als nur ein Spieler
Tottis Auswechslung sorgte auch bei De Rossi und den anderen Spielern, die verletzt oder gesperrt auf der Tribüne saßen, für fassungslose Gesichter. Luis Enrique setzte in der Pressekonferenz auch noch einen drauf, denn das Spiel hätte auch mit Totti nicht unbedingt gewonnen werden müssen. Zwar mag Luis Enrique auf einem guten Weg zu sein, der Mannschaft ein ansehnliches Offensivspiel zu verpassen. Nach dem peinlichen Europapokal-Aus wurden jedoch seine großen Schwächen offenbart. Der Spanier ist auch ein großer Dickkopf, der stur am ultraoffensiven und kräftezehrenden 4-3-3 festhielt und immer wieder betonen muss, dass jeder Spieler gleich behandelt wird. In Rom ist Totti primus inter pares, erster unter gleichen. Nicht nur wegen seiner Beliebtheit, sondern schlicht und einfach, weil er mit seinen Fähigkeiten und seinem Charisma auf dem Platz unersetzlich für den AS Rom bleibt. Doch das wird Enrique auch noch lernen müssen, sonst wird gibt es keinen Flamenco auf der Spanischen Treppe, sondern bloß einen heißen Eiertanz.

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24.08.2011

From Russia with love - Der Rubel rollt, der Ball bleibt liegen

Machatschkala, Hauptstadt von Dagestan
Die wenigen Stars der Serie A, die noch nicht im Rentenalter angelangt sind, zieht es dorthin, wo heute das große Geld liegt. Alexis Sánchez nach Barcelona, Javier Pastore nach Paris, Domenico Criscito nach St. Petersburg und zu guter Letzt wird nun Samuel Eto'o bei Anzhi Machatschkala auf Torejagd gehen und dort sage und schreibe 80 Mio. Euro netto in 4 Jahren kassieren. Der Verein liegt nicht, wie der ein oder andere vermuten könnte, in Latveria, wo Doctor Doom das Sagen hat, sondern in der russischen Teilrepublik Dagestan. Wo die Liebe eben hinfällt.


Dass einiges im Argen liegt, beweist auch das Kräfteringen zwischen der Serie A und der Spielergewerkschaft, der seit wenigen Wochen der einstige römische Publikumsliebling Damiano Tommasi vorsteht. Die Spieler haben einen Streik für den an diesem Wochenende geplanten Saisonstart angekündigt, wenn ihren Forderungen nicht nachgekommen wird. In Spanien fielen bereits die ersten beiden Spieltage aus, weil der Spielerverband auf die Nachzahlung ausstehender Gehälter pocht.

Borriello und Totti im Training
Beim AS Rom dagegen ist die Stimmung nach einer gut gestarteten Vorbereitung, einigen guten Transfers schnell wieder in den Keller und somit auf dem Niveau der letzten Saison. Das Hinspiel in der Europa-League-Qualifikation bei Slovan Bratislava ging mit 0-1 verloren, trotz 64-prozentigem Ballbesitz und einem Pfostentreffer. Für große Verwirrung sorgte vor allem Neutrainer Luis Enrique, der sowohl Totti als auch Borriello erst zwanzig Minuten vor Schluss beim Stande von 0-0 einwechselte. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wurde Borriello, letzte Saison noch vom AC Mailand ausgeliehen und im Sommer für 10 Mio. Euro fest verpflichtet, auf den Transfermarkt gesetzt, obwohl er einer der positivsten Spieler während der Vorbereitung gewesen war.

Die neue Vereinsführung unter Thomas DiBenedetto, die erst letzte Woche den Kaufvertrag unterzeichnet hat, muss nun mehrere Brände löschen. Tottis Rolle als Galionsfigur wird nun offenbar auch vom Trainer in Frage gestellt, De Rossis Vertragsverhandlungen ziehen sich in die Länge, vor allem jedoch fehlen noch drei bis vier Neuzugänge, um den Kader zu komplettieren. Der Transfer des Dänen Kjaer aus Wolfsburg, der die guten Leistungen in Palermo in der Bundesliga nicht abrufen konnte, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Verpflichtung des italo-argentinischen Stürmers Osvaldo sorgt dagegen für wenig Begeisterung unter den Fans.

Piazza Sempione, Herzstück des Viertels Montesacro
Gerade das Mittelfeld stellt noch viele Fragezeichen auf, doch bisher gab es fast nur Absagen. Sowohl der frischgebackene U20-Weltmeister Casemiro wird weiter für den FC Sao Paolo auflaufen, während Alberto Aquilani, der beim FC Liverpool keine Rolle spielt, nicht zurückkehren wird. Der gebürtige Römer - unsere beiden Väter drückten im Stadtteil Montesacro zusammen die Schulbank - wird zum AC Mailand wechseln, weil der AS Rom nur an einem Leihgeschäft interessiert war.

Alles in allem steht dem italienischen Fußball wieder eine spannende Saison bevor, wobei es jedoch vor allem außerhalb des Platzes heiß hergeht. Der aktuelle Fußballskandal lässt immer noch viele Fragen offen, wohl waren vor allem einzelne Profis und ehemalige Spieler aus unteren Ligen involviert, jedoch handelten die zuständigen Institutionen äußerst schnell. Serie-A-Aufsteiger Atalanta Bergamo startet mit 6 Minuspunkten in die Saison, mehrere Spieler wurden aus dem Verkehr gezogen.

07.08.2011

Der AC Mailand ist Berlusconis Piratenpartei

Gestern wurde die neue Fußballsaison in Italien gestartet. In Peking... Einigen Marketingstrategen sei dank.* Milan als Meister traf im Nationalstadion, dem von den Olympischen Spielen 2008 berühmten "Vogelnest", auf den Pokalsieger Inter im Spiel um die italienische Supercoppa. Dabei hatten die rossoneri wie auch in der letztjährigen Serie A die Nase vorn und drehten die Partie in der zweiten Hälfte mit den Toren von Ibrahimovic und Kevin-Prince Boateng, nachdem Wesley Sneijder mit einem herrlichen Freistoß Inter noch die verdiente Pausenführung gesichert hatte.

Inters Neuzugang Ricardo Álvarez in der Milanzange.
Alles in allem handelte es sich um ein ansehnliches Spiel, in dem Inter unter seinem neuen Trainer Gasperini gefällige Kombinationen zeige, wobei der argentinische Neueinkauf Ricky Álvarez positiv auffiel. Noch vor wenigen Monaten war der 23-jährige Mittelfeldspieler den wenigsten bekannt, als der "argentinische Kakà" plötzlich bei mehreren europäischen Klubs in den Fokus rückte. Mit einer regelrechten Blitzaktion sicherten sich die Weltpokalsieger seine Dienste.

Álvarez war auch die einzige Neuverpflichtung auf beiden Seiten, die das Spielfeld betrat. Bei Milan fehlten die ablösefrei verpflichteten Abwehrspieler Mexès und Taiwo sowie das italienische Offensivtalent El Shaarawy, während Inter noch auf den brasilianischen Rechtsverteidiger Jonathan verzichtete. Ebendieser Jonathan könnte Maicon ersetzen, den Inter in einem Tauschgeschäft für Carlos Tevez an Manchester City abgeben könnte. Ebenso Richtung Manchester könnte vor Transferschluss Ende August auch Wesley Sneijder verkauft werden, auch wenn der niederländische Ausnahmekönner kaum zu ersetzen wäre. Es könnten also weiter Topstars aus der Serie A abwandern.

Robinho, Gattuso und Ibrahimovic mit dem Supercup.
Dass die Mailänder Topvereine der europäischen Konkurrenz hinterherhinken, ist selbst Milanboss Adriano Galliani aufgefallen. Aus dem Luxusrestaurant Serie A sei eine Pizzeria geworden. Es wirkt jedoch absurd, dass Galliani nun harte Strafen für den aktuellen Wettskandal fordert, wo doch sein eigener Verein im großen Skandal 2006 mit einem blauen Auge davongekommen war. Dass der AC Mailand wieder so erfolgreich ist, wird von Berlusconikritikern derweil begrüßt. Denn wenn es beim Fußballclub, der immer noch dem Ministerpräsident gehört, rund läuft, sieht es für den skandalumwitterten Politiker alles andere als gut aus. Da wirkt das Team mit Fußballpiraten wie Ibrahimovic und Gattuso wie ein schlechtes Omen.

* Nicht zum ersten Mal fand der italienische Supercup im Ausland statt. Bereits 1993 im Jahr vor der US-WM, spielte Milan gegen den AC Turn (1-0) in Washington. Es folgten Juventus-Parma (2-1) in Tripolis, Libyen, Juventus-Milan (5-3 n.E.) im Stadion der New York Giants und Lazio-Inter (2-1), das bereits im Nationalstadion von Peking ausgetragen wurde. Dieses Jahr kassierten Milan und Inter jeweils 3 Mio. Euro plus Bonuszahlungen und Merchandise-Einnahmen. Die chinesische Firma für Sportevents United Vansen International hat 10 Mio. Euro an die italienische Fußball-Liga gezahlt, um für drei Jahre das Großereignis auszurichten. Die italienischen Reiseveranstalter gingen dabei leer aus: Die Reisepakete im Wert von 1500-1700 Euro, ohne die Eintrittskarten, fanden keinen Absatz...

24.07.2011

¡Viva la (r)evolución!

Das Jahr eins nach Sensi ist angebrochen. Von 1993 bis Juni 2011 war die Unternehmerfamilie an der Spitze des AS Rom, doch die milionenschweren Schulden trieben Präsidentin Rosella Sensi dazu, den Verein zu verkaufen. Es war die erfolgreichste Ära des Hauptstadtvereins, mit einem Serie-A-Titel 2001, 6 Vizemeisterschaften und 2 Siegen in der Coppa Italia.

Die US-amerikanische Investorengruppe um Thomas DiBenedetto, der in den nächsten Wochen offiziell als Präsident vorgestellt wird, hat für eine regelrechte Revolution gesorgt. Die wichtigsten neuen Akteure sind:
  1. Walter Sabatini. Als erfahrener sportlicher Direktor mit einem guten Riecher für Talente soll er den Kader verjüngen und auf ein internationales Niveau hieven.
  2. Franco Baldini, der bereits von 1999 bis 2005 als Vereinsfunktionär in Rom tätig war. Bis Oktober ist er noch als Sportdirektor beim englischen Nationalteam unter Vertrag, er soll die Vereinsstrukturen modernisieren. Eine persönliche Herausforderung für den Visionär, der früher schon mit der Mentalität im italienischen Fußball aneckte.
  3. Luis Enrique in der Rolle des Cheftrainers. Nach drei Jahren als Trainer der zweiten Mannschaft des FC Barcelona soll der 41-jährige Spanier für frischen Wind in der Serie A sorgen und das Erfolgsmodell von Barça nach Rom exportieren.
Frischer Wind in Rom: DiBenedetto und Luis Enrique
Bereits in den ersten Tagen gab es viele Zweifel von außen, ob das Experiment mit ausländischen Investoren überhaupt funktionieren könnte. Nach einigen Problemen bei der Vereinsübernahme und den langwierigen Verhandlungen mit einigen Spielern, schien die Skepsis berechtigt. Nach der ersten Woche im Trainingslager in Südtirol nimmt der neue AS Rom jedoch langsam Form an. Die Spieler sprechen begeistert über ihren neuen Trainer, der mit seiner kollegialen Art und innovativen Trainingsmethoden sowohl langjährige Ikonen wie Totti und De Rossi als auch junge Hoffnungsträger zu motivieren weiß.

Maarten Stekelenburg
Ob die Transfers einschlagen werden, bleibt abzusehen, jedoch handelt es sich um viel versprechende Talente und zwei erfahrenen Kräften, die die Abwehr verstärken sollen. Noch nicht offiziell, aber nur noch eine Frage der Zeit, ist die Verpflichtung des niederländischen Torwarts Maarten Stekelenburg. Der 28-jährige Ajax-Kapitän wäre der solide Schlußmann, der seit Jahren gefehlt hat. Der 33-jährige Argentinier Gabriel Heinze kam ablösefrei von Marseille und soll mit seiner Routine die Innenverteidigung stabilisieren. Dazu kommen der Spanier José Angel und der Franzose Loïc Nego für die Außenverteidigung. Beides junge Kräfte, die für die Jugendauswahlen ihrer Länder aktiv sind. Die teuersten Einkäufe stellen der argentinische Spielmacher Erik Lamela und das Barça-Talent Bojan Krkić dar. Während das südamerikanische Talent erst mal seine Fähigkeiten auf europäischer Bühne beweisen muss, brennt der spanische Stürmer darauf, bei seinem neuen Verein aus dem Schatten von Messi, Villa und Pedro zu treten.

Wenn die Mischung aus erfahrenen Spielern wie Totti, De Rossi und Perrotta, den Neuankömmlingen und den Eigengewächsen wie Crescenzi, Verre und Caprari einschlagen sollte, könnte der AS Rom wirklich für eine Revolution im festgefahrenen calcio sorgen. Das Risiko, mit seiner ultra-offensiven Ausrichtung sang- und klanglos unterzugehen, ist sehr hoch, doch wie bereits die Römer der antiken sagten: "fortuna iuvat audacem". Das Glück hilft den Wagemutigen.

21.04.2011

Des Kaisers neue Kleider

In den letzten Wochen hat sich in Italien Einiges getan. Im Rennen um die Meisterschaft hat der AC Mailand nun große Chancen, nach 7 Jahren wieder den scudetto zu feiern. Weder Serienmeister Inter noch Neapel konnten die leichte Schwächephase der rossoneri nicht nutzen. Dem noch recht junge Massimiliano Allegri, in seiner dritten Saison als Erstligatrainer, ist es im Laufe der Saison gelungen, aus einer stark von Ibrahimovics Leistungen abhängigen Gruppe eine homogene Gemeinschaft zu bilden, in der gerade im Endspurt sowohl alte Haudegen wie Seedorf als auch der Jungstar Pato, vielleicht durch die junge Liebesgeschichte mit Berlusconis Tochter Barbara beflügelt, auftrumpfen.

Äußerst turbulent ging es bei meinem geliebten AS Rom zu, sowohl in sportlicher Hinsicht als auch auf Vereinsebene. Nach dem Trainerwechsel von Ranieri zu Montella schien das Team beflügelt. Die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1-System, mit Totti als verkappter Spitze, hatte wieder Hoffnungen auf die Champions-League-Qualifikation geschürt. Der Kapitän ist nun mit 8 Toren in den letzten 6 Spielen nur noch einen Treffer von Roberto Baggios 205 Serie-A-Treffern und somit Platz 5 in der ewigen Torjägerliste entfernt. Doch nach 2 verlorenen Heimspielen gegen Juventus und Palermo sind die giallorossi 5 Spiele vor Saisonende 7 Punkte hinter dem vom Lokalrivalen Lazio Rom belegten 4. Platz.

Die wichtigste Neuigkeit betrifft jedoch die Vereinsführung. Am 15. April wurde nach einem langen Tauziehen Thomas DiBenedetto, über den im Vorfeld berichtet wurde, neuer Hauptanteilseigner. Dies hat aber nicht für die erhoffte Ruhe innerhalb des Vereins gesorgt. Im Hintergrund arbeiten bereits die erfahrenen Manager Franco Baldini und Walter Sabatini auf Hochtouren an der Neustrukturierung des sportlichen Sektors. Für viele der Spieler ist die Zukunft ungewiss, was sich auch auf deren Leistung niederschlägt. Sogar über einen Abgang von capitan futuro, Daniele De Rossi, wird gemunkelt.

Der Unmut der Fans über die verkorkste Saison beschränkt sich nunmehr nicht nur noch auf gellende Pfiffe im Stadion. Heute Abend wurde das Auto des phlegmatischen Talents Jérémy Ménez beschädigt. Der Franzose ist eines von vielen Beispielen, wie das Team sein volles Potential nicht abruft. Unwiderstehliche Tempodribblings gehören ebenso zu seinem Repertoire wie seine Launenhaftigkeit auf dem Spielfeld und die Vielzahl seiner vergebener Torchancen.

Der AS Rom wird sich in der kommenden Saison also mit einem neuen Gewand präsentieren. DiBenedetto ist keine Garantie für sofortigen Erfolg, zahlreiche Schulden und strukturelle Probleme muss der US-Amerikaner zuerst bewältigen, geschweige denn seine neuartigen Ideen im italienischen Fußball und einer anspruchsvollen sowie komplizierten Stadt durchsetzen. Vollkommen unsicher ist jedoch, ob das neue Gewand an die ruhmreiche Kaiserzeit Roms erinnern kann... oder ob der Verein fast nackt da stehen wird wie es zurzeit der Fall ist und wie das bekannte Märchen es uns lehrt.

14.03.2011

Die Iden des März

Die Derbies rund um die Iden des März haben einen ganz besonderen Glanz. So war es am 10. März 2002. Rom als amtierender Meister fertigte Lazio mit einem 5-1 ab, in dem der heutige Trainer Montella mit vier Treffern in die Geschichte des römischen Lokalduells einging. Totti setzte damals mit einem herrlichen Heber den Schlusspunkt und zeigte seiner heutigen Frau, die er damals erst kennengelernt hatte seine Liebe, indem er ein Shirt mit der Aufschrift "Du bist einzigartig" zum Vorschein brachte.

 

Fast auf den Tag genau neun Jahre später setzte Totti noch einen drauf. Mit seinen zwei Treffern im fünften Derby-Sieg in Folge brachte er abermals all die Kritiker zum Schweigen, die ihn schon seit Beginn seiner Karriere verfolgen. Er hatte es wohl geahnt und in Erinnerung an das Spiel von damals bewies er seiner Frau Ilary nochmals seine Liebe mit einem neuen Shirt: "Du bist und bleibst einzigartig." Für den Verein, den man seit seiner Kindheit liebt, als Kapitän zu spielen, und die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, ist Tottis persönliches Glück.

Meinem ersten Derby durfte ich im im April 1999 beiwohnen, Rom gewann 3-1, Lazio war damals mit Stars wie Nesta, Boksic, Nedved und Vieri gespickt. Zu der Zeit war das Stadion ein einziges Spektakel, heute ist es ein Wunder, wenn es bei einem Spitzenspiel zu zwei Dritteln gefüllt ist. Ich hoffe, dass der AS Rom – wie der gesamte italienische Fußball – wieder bessere Zeiten erleben wird. Damals ging Tottis Licht erst auf, doch mit 34 Jahren schafft er es immer noch, seine Anhänger zu verzücken. Totgesagte leben eben länger.
 
Die Welt der Roma ist im Umbruch: Bis Ende des Monats wird der Verein an den Amerikaner DiBenedetto verkauft. Der riskante Wechsel auf der Trainerbank konnte das Ausscheiden aus der Champions League nicht verhindern, jedoch gelang es dem Neuling Montella, wieder Enthusiasmus zu entfachen und der Mannschaft eine klare taktische Marschrichtung zu geben. Nach dem 0-3 bei Donetsk hat es der ehemalige Stürmer geschafft, eine übernervöse Mannschaft mental auf das Spiel gegen Lazio vorzubereiten. Sonst waren es oft Totti und De Rossi, die als Fans auf dem Fußballplatz die Nerven verloren, dieses Mal lief es genau andersrum. Die Quittung für Lazio waren zwei rote Karten im bewegten Finale des Spiels.



Im Meisterschaftsrennen bleibt es indes weiter spannend, auch wenn Milan mit fünf Punkten einen bequemen Vorsprung gegenüber Serienmeister Inter wahrt. Die nerazzurri sind bis Mittwoch das letzte Team, das die italienische Fahne im Europapokal hochhält. Ein fulminantes Spiel nach dem 0-1 ist in der Allianzarena zu erwarten. Doch ich kann an so etwas nur am Rande denken. Ich denke jedoch an den Tag, wenn Totti wirklich die Schuhe an den Nagel hängen wird. An dem Tag wird wirklich ein Stück Rom zu Grabe getragen. In der Hoffnung, dass es auch ohne ihn weitergehen kann.

www.asromaultras.org

24.02.2011

Gott hat keine Flugzeuge mehr? Eines ist nun da.

Totti beim 3-4 in Genua - Il Messaggero
Wieder einmal ist es lange, lange her, dass ich etwas geschrieben habe. Da bei mir das Schreiben auch eine Form von Liebe ist, liegt die Antwort fast auf der Hand. In den letzten Monaten hatte ich mich ein wenig vom Fußball "entliebt". Das, was mich fast ausschließlich beim Fußball zählt, der AS Rom, hatte aufgehört, mit dem Herzen zu schlagen. Nur selten wie gegen die Bayern, gab es ein hysterisches Zucken. Schön blöd, so etwas zu lieben, werden sich viele zurecht nun denken. Doch wie heute Abend ein deutscher Reporter das Spiel Inter-Bayern (0-1) schön resümierte: "Niemand leidet so schön wie Italiener." Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Leiden als Lebensphilosophie soll mir erst mal jemand nachmachen.

Obwohl der AS sich im Januar trotz durchwachsener Leistungen Hoffnungen machen auf den Titelkampf machen durfte, rissen im Februar die letzten Stricke, die das Team, gar den Verein, zusammenhielten. Die Bank Unicredit hat endlich seriöse Käufer für den Verein gefunden, den die hoffnungslos verschuldete Familie Sensi nach 18 Jahren abgegeben muss. Der US-Amerikaner Thomas DiBenedetto steht an der Spitze eines Konsortiums, das ab nächster Saison wohl den Verein übernehmen wird. Das Machtvakuum innerhalb des Klubs machte sich nun trotz einer klaren Zukunft noch spürbarer. Schlimmer jedoch wogen die internen Querelen zwischen dem am Wochenende zurückgetretenen Trainer Ranieri und dem Team.

Totti und Montella in Bologna - asromaultras.org
Neuer Hoffnungsträger auf der Bank ist nun das ehemalige Stürmeridol Vincenzo Montella, 2001 italienischer Meister mit dem AS Rom. Der 36-jährige, der bisher die U-15-Mannschaft, ist ein alter Bekannter der meisten Spieler, war er noch vor zwei Jahren Teil des Kaders. Gestern führte er im Nachholtermin beim FC Bologna, die bisher nur einmal zu Hause verloren hatten, zu einem knappen, aber verdienten 1-0. Lange hatte man das Team nicht mehr so konzentriert und diszipliniert spielen sehen, man denke nur an das Spiel am Sonntag beim FC Genoa, das nach einer 3-0 Führung noch 3-4 verloren ging.

Mit seiner ruhigen und kollegialen Art sorgt l'areoplanino, das kleine Flugzeug, dafür, dass wieder ein gewisser Enthusiasmus zu spüren ist. Die Spieler haben wieder Selbstvertrauen gefunden, der Neid unter den Spielern scheinen verflogen. Zwar sieht man noch einige der Probleme, für die Ranieri meiner Meinung nach verantwortlich war, von der fehlenden Kondition aufgrund einer katastrophalen Vorbereitung über die taktischen Fehler durch die ständigen Umwälzungen der Mannschaft, jedoch ist wieder ein Teamgeist zu spüren. Erst dachte ich, Gott hat keine Flugzeuge mehr (Trend, hier anhören). L'areoplanino sorgt nun aber für Flugzeuge in meinem Bauch (Grönemeyer, hier anhören).

Wie es um den italienischen Fußball allgemein steht, zeigen einerseits die 3 Heimniederlagen der drei Champions-League-Achtelfinalisten, zu denen auch Rom gehört, jedoch war das ansehnliche 1-1 im Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Italien ein weiterer Hoffnungsschimmer, dass es langsam aufwärts gehen könnte und es doch noch ein paar italienische Spieler gibt, die Fußball spielen können. Auf lange Sicht müssen jedoch die Grundlagen geschaffen werden, um nicht im europäischen Mittemaß zu landen, ob auf Vereins- oder Nationalmannschaftsebene.
 

Daje Vincè, facce volà! ("Bring uns zum Fliegen, Vincenzo!")

Montella in der Meistersaison 2001 - asromaultras.org